Du kannst schreiben. Ist so. Punkt.

Eine Frau im blauen Kleid bewegt sich durch eine Phantasiewelt

Du liest gerne. Du bewunderst Schriftsteller. Aber selbst etwas schreiben, das könntest du nicht? Bist du dir da so sicher? Lass uns mit den fünf beliebtesten Glaubenssätzen aufräumen.

Glaubenssatz: Schreiben kann man oder eben nicht

Dieser Glaubenssatz ist der schmerzhafteste von allen. Er hat nämlich noch eine gedankliche Fortsetzung: Du bist doch keine Schriftstellerin, also lass es besser bleiben, sonst blamierst du dich nur.

Das ist, als würde man sagen: Entweder man kann Klavierspielen oder eben nicht. Entweder man ist ein Tennis-Champ oder eben nicht. In der Musik oder im Sport ist ganz klar, dass man sich richtig viel mit theoretischen Grundlagen beschäftigen und richtig viel trainieren muss, um gut zu sein.

Nur beim Schreiben glauben wir, dass es eine Gabe ist, die vom Himmel fällt und wenn sie uns beim Landeanflug verfehlt hat, dann brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Das ist Unsinn: Schreiben lernt man durch Schreiben, so wie man Fußballspielen durch Fußballspielen lernt und Klavierspielen durch Klavierspielen.

Ein kleiner Bub lernt Klavierspielen. Klavierspielen muss man lernen, so wie Schreiben.
Wichtig ist ein Lehrer, der uns die Freude und den Spaß am Üben lehrt..
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Sicher werde ich nie die Genialität eines Daniel Kehlmann erreichen. Ich liebe seinen Till. Aber soll ich deshalb gar nicht schreiben? Wozu all die Fußballvereine, wenn es doch nur einen Messi gibt? Wozu die vielen Musikschulen, wenn wir schon Anne Sophie Mutter haben?

Das ist Unsinn: Lass uns schreiben, so gut, so ehrlich und so engagiert wir nur können. Es geht um unsere ganz persönlichen Texte, deshalb sind sie einzigartig und wert geschrieben zu werden.

Glaubenssatz: Mein Deutsch ist nicht gut genug

Fragt man Kinder nach ihrem liebsten Gegenstand in der Schule, lautet die Antwort selten „Deutsch“. Dafür mag es mehrere Gründe geben. Einer davon ist sicher unsere schlechte Fehlerkultur. Hervorgehoben wird das Falsche, nicht das Richtige. Wenn bei einem meiner Aufsätze im Korrekturrand rot die Notiz „Ausdruck“ stand, war das nie anerkennend gemeint.

Ich kann mich an einen Mitschüler erinnern, dessen Aufsätze in der Oberstufe immer „Sehr gut“ benotet wurden. Unser Lehrer sah in ihm einen aufgehenden Stern am Literaturhimmel. Der Undankbare aber hat eine Wette in der Klasse gestartet. Selbst wenn er den größten Schwachsinn abgäbe, Grammatikfehler inklusive, würde die Arbeit trotzdem „Sehr gut“ bewertet. Er hat die Wette gewonnen. Ein großer Literat ist er nicht geworden.

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und arbeitet auf einem MacBook an einem Text. Sie kann schreiben.
Ob man lieber mit der Hand oder mit der Tastatur schreibt, ist Geschmacksache und abhängig von der Aufgabenstellung – finde ich.
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Alles, was ich mit dieser Geschichte sagen will: Lass die Vergangenheit hinter dir. Wie du schreibst, ist Ausdruck deiner selbst. So, wie du deinen Satz formulierst, genau so ist er richtig. Weil er deiner ist.

Glaubenssatz: Ich bin nicht interessant genug

Wenn du wie ich in den 1960er oder 1970er Jahren groß geworden bist, dann hast du sicher gelernt, dass Bescheidenheit eine Tugend ist, dass man Kinder zwar sehen aber bitte nicht hören soll, vor allem wenn es Mädchen sind.

Tja, das Ergebnis ist, dass viele von uns denken, sie seien nicht wichtig, sie seien uninteressant. Nicht wert, über sie zu sprechen. Die Generationen vor uns hat dieses kränkende Ideal übrigens noch viel härter getroffen.

Aber das war falsch, und wir nehmen das nicht länger hin. Jedes Leben ist einzigartig und wert, erzählt zu werden. Jede/r von uns ist unter Umständen aufgewachsen wie niemand sonst, auch kein Bruder und keine Schwester. Sie haben ihre Erinnerungen, und wir unsere.

Zwei Kinder stehen an einer Brücke und warten. Kinder sind noch frei von Glaubenssätzen.
Jeder lebt sein eigenes Leben und erinnert das gemeinsame anders.
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Gabriel Garcia Marquez hat es so formuliert: Das Leben ist nicht, was wir gelebt haben, sondern was wir erinnern. Ist es nicht spannend, sich selbst auf die Spur zu kommen? Warum ist was wie gelaufen und wie hast du warum reagiert.

Wenn du ein bisschen darüber nachdenkst (Schreiben ist dazu eine wunderbare Methode), wirst du merken, wie spannend diese Fragen sind. Du wirst auch feststellen, wie viel all das mit deinem heutigen Leben zu tun hat. Wenn du dann noch über deinen Schatten springst und anfängst darüber zu sprechen oder deine Texte vorzulesen, wirst du merken, das andere sie auch spannend finden.

Glaubenssatz: Das wird doch nie veröffentlicht, also ist es unnötig.

Warum glauben wir, dass Schreiben sich nur lohnt, wenn das Geschriebene auch veröffentlicht wird? Meine Vermutung ist, weil wir die vielen unveröffentlichten Seiten und Geschichten nie zu Gesicht bekommen.

Bibliothek mit Buchreihen. Es ist so wichtig, dass alle, die möchten, auch schreiben können
Würde alles veröffentlicht, das je geschrieben wurde, das Buchregal erstreckte sich über die Milchstraße. // Photo by Pixabay on Pexels.com

Wie viele Menschen lernen ein Instrument und niemand hat den Anspruch, dass sie jemals auf einer Konzertbühne stehen? Wie viele Sportler haben Freude am Laufen ohne je einen Marathon zu bestreiten. Warum glauben wir, dass wir nur schreiben dürfen, wenn wir veröffentlicht werden?

Ich schreibe meist nur für mich. Manchmal weil ich Klarheit in meine Gedanken bringen will, manchmal weil ich Lust auf ein kleines Gedicht habe und manchmal, um Erinnerungen festzuhalten.

Es sind meine Gedanken und die sind es mir wert, sie aufzuschreiben. Genauso sind deine Gedanken wert, aufgeschrieben zu werden, wenn du das möchtest. Wir erlauben uns zu schreiben, nur für uns..

Glaubenssatz: Ich habe keine Zeit fürs Schreiben

Wir leben in der Vorstellung, dass Schriftsteller sich wochenlang in ein kleines Kabäuschen am Land zurückziehen, um dort ihre großartigen Werke zu verfassen. Mag sein, dass es diese Schriftsteller gibt. Aber ich denke, die wenigsten können sich diesen Luxus leisten. Paulus Hochgatterer (hast du das „Matratzenhaus“ gelesen?) hat in einem Interview erzählt, dass er überall schreibt. Im Zug, im Wohnzimmer, wenn die Kinder um ihn herum laufen.

Ich brauch schon meine Ruhe um zu schreiben, aber die muss nicht lange anhalten. Eine kleine Beobachtung im Alltag, eine Miniatur, fünf Zeilen über den schlafenden Hund oder die Sonne, die endlich durch die Nebeldecke bricht. Oder du versuchst dich einmal an Morgenseiten – eine Viertelstunde vor dem Frühstück, das ist machbar, oder?

Eine Frau hat es eilig. Sie isst und liest gleichzeitig.
Vieles kann man schnell mal zusammen erledigen. Schreiben verlangt Exklusivität – zumindest ein bisschen.
Photo by George Milton on Pexels.com

Wenn mir etwas wichtig ist, wenn ich etwas gern mache, dann finde ich immer ein paar Minuten dafür. Zum Beispiel fürs Lesen, fürs Schreiben oder fürs Dummytraining mit meinen Hündinnen. Aber für Gymnastik, ich weiß nicht, da fehlt mir die Zeit 🙂

So, das alles wollte ich schon lange schreiben. Nur für mich – und für alle, die meinen Blog lesen.

Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

3 Gedanken zu „Du kannst schreiben. Ist so. Punkt.“

  1. Liebe Susanne, ich schreibe in der Du-Sprache weiter, wie in deinem Blog. Ich will dir sagen, dass mich deine Beiträge aufmuntern! Anspornen! und mir Lust aufs Schreiben vermitteln. Mit meinen Ausreden, wie Zeitmangel,hast du aufgeräumt in meinem Kopf. Danke.

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