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Vergolde deine Narben

Kintsugi ist eine japanische Handwerkskunst und bedeutet so viel wie „Reparieren mit Gold“. Aus zersprungenen Vasen oder Teetassen schafft Kintsugi Kunstwerke von besonderer Schönheit. Diesen außergewöhnlichen Umgang mit Verletzlichkeit nehme ich als Ausgangspunkt für HERZSPRUNG, den ersten Schreibworkshop, in dem sich alles ums Herz dreht.

Wenn ich in meiner Küche eine schöne Tasse kaputtschlage, dann fühle ich erst kurzes Bedauern und habe dann zwei Möglichkeiten damit umzugehen:

  • das ehemals gute Ding landet im Mülleimer oder
  • ich versuche es mit Superkleber zu retten.

Mit dem Wegschmeißen ist das so eine Sache. An manchen Gegenständen hängt mein Herz und es tut mir unendlich leid, wenn es sie nicht mehr gibt. Die Versuche mit dem Superkleber sind auch keine Lösung. Mag sein, dass es an meiner mangelnden Feinmotorik liegt, aber fest steht: Schön wird das nie, unsichtbar schon gar nicht. Die Bruchstellen bleiben immer deutlich sichtbar und störend.

Es geht um die Bruchlinien im Leben

Völlig anders geht man in Japan mit zerbrochener Keramik um. Japaner versuchen nicht wie ich und wohl die meisten Europäer es tun würden, die Bruchstellen zu kaschieren, unser Missgeschick zu verstecken. Ganz im Gegenteil, sie betonen diese Verwundungen durch Gold, Silber oder Platin und verleihen dem Objekt damit neue Bedeutung und neue Eleganz.

Die Reparaturspuren entlang der Bruchlinien nennt man Keshiki, Landschaft – und das finde ich wunderschön.

Es wäre nicht Asien, würde hinter dieser Handwerkskunst nicht eine tiefgründige Philosophie liegen und die wird „WabiSabi“ genannt.

„Wabi“ steht für Einfachheit, Vergänglichkeit, Fehler und Unvollkommenheit.
„Sabi“ spricht von der Wirkung der Zeit auf ein Objekt, also über das Altern.

In dieser Weltanschauung geht es also um die Wertschätzung des Alterns im Wissen um die Unvollkommenheit und Vergänglichkeit aller Dinge.

Ohne ihre Bruchstelle wäre diese Schale eine Schale wie hundert andere auch. Erst der würdigende Umgang mit ihrer Zerbrechlichkeit macht sie zum Unikat.

So wird sie zum Sinnbild für die Schönheit und Einzigartigkeit des Unperfekten, Zerschlagenen, das wieder in seine Form gefunden hat und doch verändert ist. Eine Schale, die eine Geschichte erzählt.

Ist es mit uns Menschen nicht genau so? Sind es nicht unsere Wunden, unsere Verletzungen, unsere verlorenen Wünsche und zerbrochenen Liebesbeziehungen, die uns ausmachen. Sie alle hinterlassen Narben an unseren Körpern und an unseren Seelen.

Es ist unsere Entscheidung, wie wir mit diesen Narben umgehen – ob wir versuchen, sie zu verstecken oder ob wir selbstbewusst dazu stehen und unsere Verletzlichkeit und Stärke in Gold fassen.

Mein Name ist Susanne und ich bin….

… nein, nicht das, was du jetzt gedacht hast. Es ist dieser Satz, den jedes neue Mitglied der Anonymen Alkoholiker über die Lippen bringen muss: Mein Name ist xxx und ich bin AlkoholikerIn. Selbst wenn der Patient/die Patientin diesen Gedanken schon hundert Mal gedacht hat, ist es etwas völlig anderes ihn laut auszusprechen. Erst durch das Aussprechen wird er real, bekommt er seine volle Bedeutung und bringt den ersten Durchbruch in der Therapie.

Annehmen was ist, nicht länger verstecken.

Ich habe dieses Gefühl genau so erfahren, wenn auch in einem anderen Gesundheitsbereich.

Photo by Tirachard Kumtanom on Pexels.com

Zehn Jahre lang habe ich davon geredet, ich hätte da ein kleines Herzproblem. Nicht wichtig, damit könne ich 100 werden, nichts aufbauschen, nicht einschränken lassen, weiter geht’s. Meinen Lebensstil habe ich nicht geändert. Dafür hätte ich mir ja eingestehen müssen, dass ich nicht unverwundbar bin.

Bis schließlich aus dem kleinen Herzproblem ein größeres wurde und ein erster Herzschrittmacher implantiert werden musste. Immer noch habe ich von einem Problem gesprochen, das ja jetzt mehr oder weniger behoben wäre. Habe ich schon erwähnt, dass ich eine Meisterin des Verdrängen bin?

Verdrängen aber funktioniert nun mal nicht auf Dauer. Zweieinhalb Jahre nach der ersten Operation, musste der Herzschrittmacher gegen einen neuen mit mehr Funktionen ausgetauscht werden.

Das war kein Schuss vor den Bug mehr, das war ein Volltreffer im Maschinenraum. Zeit mir einzugestehen: Mein Name ist Susanne und ich bin herzkrank.

Vom Herz in die Feder

Ich habe ein Blatt Papier genommen und diesen Satz für mich aufgeschrieben. Mein Name ist Susanne und ich bin herzkrank. Meine Füllfeder hat den Gedanken völlig selbstständig weitergeführt: Und was jetzt? Was tun wir? Wie gehen wir damit um? Wie verändert das unser Leben? Verändert das unser Leben? Fragte meine Füllfeder.

Während sie Zeile um Zeile vollschrieb wurde mir klar: Ab jetzt wird nichts mehr versteckt. Im Gegenteil, ab jetzt wird die Bruchstelle vergoldet – Kentsugi eben.

Photo by Sam Lion on Pexels.com

Ich habe den herzförmigen Stein, den ich vor Jahren beim Gartenarbeiten gefunden und seither in einer Lade aufbewahrt habe, zum Juwelier gebracht. Er hat ihn mit einen goldenen Anhänger versehen, und ich habe die Lebensadern des Steines mit Goldlack veredelt (wenn auch nicht ganz den hohen Ansprüchen des Kentsugi folgend). Heute trage ich ihn als Anhänger an einer Kette, die mich täglich daran erinnert, achtsam zu sein.

Ein bisschen Statistik

  • In Österreich leben 50.000 Menschen mit Herzschrittmacher.
  • 16% aller Österreicherinnen und 25% aller Österreicher leiden an Bluthochdruck , wobei das Risiko der Frauen deshalb einen Herzinfarkt zu erleiden größer ist als bei Männern.
  • 32.000 Menschen erleiden in Österreich einen Herzinfarkt (deutlich mehr Männer) pro Jahr.
  • Menschen mit Herzerkarnkungen leider überdurchschnittlich oft an Depressionen oder depressiven Verstimmungen

Schreib dir´s vom Herzen

Photo by Pixabay on Pexels.com

Besonders diese psychischen Folgen einer Herzerkrankung sind es, mit denen wir uns schreibend beschäftigen können.

Wie geht es mir damit, wenn ich erkennen muss verletzlich zu sein? Woher kommt die Niedergeschlagenheit? Was stärkt mich in meinem Leben? Wovon will ich mehr, was darf weg?

Durch das Experimentieren mit Worten, indem wir uns schreibend in neue Rollen versetzen, uns von Schreibimpulsen aus alten Gleisen schubsen und neue Wege finden lassen, können wir lernen zu unserer Verwundbarkeit zu stehen und daraus neue Kraft zu gewinnen.

Für mich war dieses Eingestehen, dieses Anerkennen, ein erster wichtiger Meilenstein. Wenn du das Gefühl hast, dass es dir genau so geht, dann lade ich dich ein, mit mir gemeinsam die nächsten Schritte zu gehen

Im September 2022 wird es mit HERZSPRUNG den ersten Schreibworkshop geben, in dem wir die Narben an unseren Herzen vergolden.

Das Programm gibt’s spätestens ab Mitte August 22.

Dieser Schreibworkshop ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei Beschwerden wende dich bitte an einen Arzt oder Therapeuten.

Hier auf meiner Website findest du immer die aktuellen Termine und kannst dich auch gleich anmelden. Oder du abonnierst meinen Newsletter und findest die aktuellen Angebote immer in deinem e-Mail-Postfach.

Wenn du noch mehr über Kintsugi lesen oder es selbst ausprobieren möchtest, hier zwei Weblinks für dich:

https://selbermachen.de/wohnen/einrichtungstipps-dekoration/kintsugi-selber-machen

https://www.houzz.de/magazin/japan-trend-kintsugi-was-ist-das-eigentlich-stsetivw-vs~111307573

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