„Wir sagen nicht Flüchtlinge, es sind unsere Gäste“

people on protest against war in ukraine

Seit der Invasion russischer Truppen in der Ukraine beginnt mein Tag mit dem Lesen der wichtigsten Nachrichtenportale und meiner Twitter-Timeline am Handy. Heute ist mir als erstes diese Aussage von Andrzej Duda ins Auge gesprungen und lässt mich nicht mehr los. Also bleibt mir nichts anderes als darüber zu schreiben.

Als unmittelbarer Nachbar der Ukraine ist Polen in diesem nun schon ein Monat andauernden Krieg besonders gefordert. Die Hilfsbereitschaft der Polinnen und Polen ist grenzenlos und bewundernswert. Die Leistungen der Behörden verdienen Respekt und Hochachtung. Das zu sagen, ist mir wichtig in der Hoffnung, dass meine folgenden Gedanken nicht missverstanden werden.

Als Angela Merkel 2015 angesichts der zahllosen Flüchtlinge aus Syrien sagte „Wir schaffen das“, wurde sie heftig kritisiert. Ich bin gespannt, ob Andrzej Dudas

Wir sagen nicht Flüchtlinge – es sind unsere Gäste.“

gleichermaßen in die Geschichte eingehen wird. Gesagt hat der polnische Premier diesen Satz über die vom Krieg Vertriebenen im Zuge eines Treffens mit US-Präsident Joe Biden und Vertretern verschiedener Hilfsorganisationen im polnischen Rzeszow.

Ich bin überzeugt, er hat diese Wortwahl in allerbester Absicht getroffen. Er wollte ein Zeichen setzen und den Betroffenen sagen „Ihr seid willkommen. Wir lassen euch nicht im Stich, wir sind für euch da, wir beschützen euch.“

Trotzdem beschäftigt mich die Frage, was ich von dieser Formulierung halten soll. Ob sie den Menschen hilft und ob sie der fürchterlichen Lage der Betroffenen gerecht wird?

Was macht einen Gast aus?

Im allgemeinen Sprachgebrauch verwenden wir das Wort Gast sehr vielseitig. Morgens sind wir Gast im Caféhaus, dann Fahrgast in der U-Bahn, im Sommer Badegast in einem Freibad oder Fluggast auf dem Weg in den Urlaub. Diese Gästeliste ließe sich ewig fortsetzen. Gemeinsam ist all diesen Begriffen, dass ein Gast sich freiwillig in seine Gastrolle begibt, dass der Gast vorübergehend Gast ist und dass der Gast den gastfreundlichen Ort in nicht allzu weiter Ferne auch wieder verlässt. Ein Gast kommt freiwillig, bleibt vorübergehend und geht wieder.

All das trifft auf die ukrainischen Flüchtlinge nicht zu. Nicht auf verzweifelte Menschen, deren Häuser in den letzten Wochen zerbombt wurden, die Eltern, Geschwister, Freunde und Kinder verloren haben und deren Leben nie wieder sein wird wie vor dem 24. Februar 2022.

Ich frage mich auch, was die Bezeichnung Gast im Kopf und im Herzen eines/r Geflüchteten auslöst? Müsste ich Hals über Kopf aus Wien flüchten, meine beiden Söhne im wehrfähigen Alter zurücklassen, nicht wissen, ob mein Haus noch steht, wenn der Krieg vorbei ist und wovon ich in Zukunft leben soll – würde ich mich auf meiner Flucht als Gast in einem fremden Land bezeichnen wollen? Würde ich mich als Gast in meiner Not gesehen und verstanden fühlen?

Euphemismus oder klare Kante

Unangenehme Themen verklausuliert auszusprechen oder ihnen einen verharmlosenden Namen zu geben, ist nicht neu, was die Sache aber nicht besser macht.

Wer unter meinen LeserInnen alt genug ist, um Bruno Kreisky noch als Bundeskanzler erlebt zu haben, kann sich bestimmt an die Diskussion rund um Panzerexporte nach Chile im Jahr 1980 erinnern. Um den Verkauf trotz der Neutralität Österreichs und der Diktatur in Chile zu ermöglichen, schlug er im Einklang mit der Firmensprache der Steyr-Daimler Puch AG vor, Panzer als Kettenfahrzeuge zu bezeichnen. Wofür solche Kettenfahrzeuge gut sind, haben die Opfer des Allerheiligen-Massakers im November 1979 in Bolivien hautnah erfahren. Ich denke, sie haben die österreichischen Kürassiere doch als Panzer erlebt.

Warum dieser Spin? Warum Kettenfahrzeuge statt Panzer, warum Gäste statt Flüchtlinge? Warum verkleiden wir das Furchtbare in unserem Sprechen? Weil wir es anders nicht ertragen? Weil unsere Seele daran kaputtginge?

Wie sich klare Sprache anhört, hat in der heutigen ZIB 1 ORF-Korrespondent Karim El-Gawahri in seiner Reportage über den Krieg in Jemen gezeigt.

Kleines Mädchen in einem Flüchtlingslager
Was in Kindern auf der Flucht vorgeht, können wir uns nicht einmal annähernd vorstellen. Photo by Ahmed akacha on Pexels.com

Die Verantwortung von uns Schreibenden

Sprache verändert sich, und das muss auch so sein. In einer Welt, die sich ständig verändert, kann unsere Sprache keine Ausnahme bilden. Wir üben uns in political correctness, wir gendern mit BinnenI und Sternchen, wir lernen, was kulturelle Aneignung ist und staunen über Cancel Culture. In den Diskussionen zu diesen Themen tragen die wenigsten Protagonisten Samthandschuhe. Hier wird kräftig ausgeteilt und eingeengt.

Gleichzeitig erleben wir eine Art Neusprech, mit der George Orwell seine Freude hätte. Wir entwickeln eine bemerkenswerte Scheu davor, Dinge beim Namen zu nennen und klar zu formulieren, vielleicht weil uns eine klare Sprache zu sehr schmerzen könnte oder weil wir uns dann nicht so sehr vor uns selbst schämen müssen.

„Die Sprache ist das Haus des Seins.
In ihrer Behausung wohnt der Mensch.“

Martin Heidegger, Brief über den „Humanismus“

Ich denke, wir müssen gut auf unsere Sprache aufpassen, sorgsam mit ihr umgehen und gut darauf achten, was unsere Worte in uns und in anderen auslösen. Und wir müssen uns die Frage stellen, ob unsere Sprache dem Thema gerecht wird, das wir behandeln. Nicht, dass mir das immer gelänge, aber ein wichtiges Ziel ist es schon.

Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

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