Lass uns Gedichte schreiben

Wenn du Spaß am Spiel mit Worten hast, versuch ’s doch einmal mit einem Gedicht. In diesem Blogpost habe ich einige Versformen für dich zusammengefasst. Du wirst überrascht sein, wie gut sich Dichten anfühlt.

Die Bürgschaft, die Glocke, der Erlkönig, der Zauberlehrling – all diese Gedichte mussten wir in meiner Schulzeit auswendig lernen, noch viele mehr mussten wir interpretieren. Wir waren Teenager, wir haben es gehasst. Niemand erfährt auf diese Weise die Liebe zur Lyrik.

Erst viele Jahre später und mit etwas mehr Lebenserfahrung habe ich den Zauber von Gedichten für mich entdeckt. Wenn ich heute den Erlkönig lese, könnte ich weinen, und bei Rilkes Herbsttag werde ich melancholisch.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern,
wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke


Bis vor einigen Jahren hätte ich niemals gedacht, dass ich selbst Gedichte schreiben könnte. Ich hätte den schieren Versuch schon als Anmaßung empfunden.

Erst Robert Schindel hat mich in einem Roman-Seminar der Schreibwerkstatt Waldviertel darauf gebracht. Um uns Schreibschüler dazu anzuregen, unsere Texte zu verknappen, hat er uns einen Nachmittag lang Sonette schreiben lassen. Das war der Nachmittag, an dem ich Feuer gefangen habe. Gedichte zu schreiben ist eine wundervolle Arbeit.

Johann Wolfgang von Goethe hat dazu einen Tipp für uns

Gewöhnen Sie sich, 
wenn Sie einmal dichten wollen und müssen,
ohne Zagen und Wählen niederzuschreiben,
was Ihnen zu Mund und Feder fließt.

Johann Wolfgang von Goethe

In anderen Worten: Nicht lange nachdenken, einfach mal machen. Nachfolgend findest du sieben unterschiedliche Gedichtformen, die dir sicher Spaß machen.


AKROSTICHON

Schreibe die Buchstaben eines Wortes untereinander und finde dann einen Begriff dazu oder einen Satz. Was immer dir gefällt.
Hier ein Beispiel zum Wort HEUTE

summer animal leaf color

Himmelblau
Ein Blick aus dem Fenster
Unter der alten Eiche
Tänzelt ein einzelner Schmettering
Einsamkeit

Photo by Holger Wulschlaeger on Pexels.com

HAIKU

Der Haiku ist eine japanische Gedichtform. In seiner strengen Ausführung umfasst er 3 Zeilen mit klar definierter Silbenzahl (5/7/5). Aber Deutsch ist nicht Japanisch, also dürfen wir uns vielleicht ein paar Freiheiten nehmen. Besonders gelungen finde ich Haikus, wenn die dritte Zeile eine unerwartete Wendung bringt. Das ist mir in meinem Beispiel noch nicht so recht gelungen.

Der steinalte Hund
Blinzelt müd' im Abendlicht
Zeitlose Gleichmut

ELFCHEN

Das ist eine meiner Liebilingsversformen, ein Gedicht aus 11 Worten, die in festgelegter Form auf 5 Verszeilen verteilt werden. Natürlich haben wir immer die Freiheit, diese Form ein wenig abzuändern.
In der
1. Zeile: 1 Wort (Farbe oder Eigenschaft)
2. Zeile: 2 Worte (Gegenstand oder Person mit Artikel)
3. Zeile: 3 Worte (wo und wie ist der Gegenstand/die Personen, was tut sie)
4. Zeile: 4 Worte (etwas über sich selbst)
5. Zeile: 1 Wort (Abschluss)

Zwei Frauen sitzen auf einer Stufe und sprechen vertraut miteinander


Felsenfest
meine Freundin
trocknet meine Tränen
lässt mich nie allein
Herzensmensch

RONDELL

Ein Rondell ist ein Gedicht aus 8 Zeilen, von denen sich einige wiederholen. Durch die Rhythmik der Wiederholung entsteht die Poesie. Hier muss sich nichts reimen.

1. Zeile
2. Zeile
3. Zeile
4. Zeile ist gleich wie die 1. Zeile
5. Zeile
6. Zeile
7. Zeile ist wie die 1. Zeile
8. Zeile ist wie die 2. Zeile

Ideen brauchen einen offenen Geist,
um Neues zu schaffen und Neues zu leben.
Erst engagiert, dann ängstlich.

Ideen brauchen einen offenen Geist.

Mit anderen gemeinsam,
gern auch alleine.

Ideen brauchen einen offenen Geist,
um Neues zu schaffen und Neues zu leben.

ZEVENAAR

Das Zevenaar (zeven ist holländisch für sieben) ist ein Gedicht in sieben Zeilen. Die Inhalte der sieben Zeilen sind recht klar definiert:

1. Zeile: Ein Ort, eine Sache
2. Zeile: Eine Tätigkeit, ein Detail , ich mit einer Handlung
3. Zeile: Eine Frage oder ein Vergleich
4. Zeile: Scharfstellen eines Details
5. Zeile: Detail schärfen
6. Zeile: Wiederholung der 1. Zeile
7. Zeile: Wiederholung der 2. Zeile

Beim Wirt'n im Dorf
schau ich mir gern die Männer an
Worüber die immer reden
So wichtig, wie sie dabei schau`n
Mit jedem Seiterl ein bissel wichtiger
Beim Wirt'n im Dorf
schau ich mir gern die Männer an.

SCHNEEBALLGEDICHT

Beim Schneeballegedicht gibt es wieder sieben Zeilen, die dur rund um ein zentrales Wort anordnet:

Flanieren
macht müde
im Kaffeehaus endlich
komme ich 
an

SONETT

Goethe war ein Meister des Sonetts, Shakespear auch. Das Sonnett ist eine recht Stenge Form. Das Gedicht gliedert sich in zwei Quartette (4Zeiler) und zwei Terzette (3Zeiler) und in bestimmter Reihenfolge reimend.

abba – abba – cdc – dcd  
abba – abba – ccd – eed
abba – abba – cde – cde
abba – abba – ccd – dee
abba – cddc – eef – ggf
abba – cddc – efg – efg
abba – cddc – efe – fef 

Weil ein Sonett etwas komplizierter ist, wollen wir Anleihe nehmen beim großen Goethe (abba – abba – cdc – dcd  )

WACHSTUM

Als kleines artges Kind durch Feld und Auen
Sprangst du mit mir, so manchen Frühlingsmorgen.
»Für solch ein Töchterchen, mit holden Sorgen,
Möcht ich als Vater segnend Häuser bauen!«

Und als du anfingst, in die Welt zu schauen,
War deine Freude häusliches Besorgen.
»Solch eine Schwester! und ich wär geborgen:
Wie könnt ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!«

Nun kann den schönen Wachstum nichts beschränken;
Ich fühl im Herzen heißes Liebetoben.
Umfaß ich sie, die Schmerzen zu beschwichtgen?

Doch ach! nun muß ich dich als Fürstin denken:
Du stehst so schroff vor mir emporgehoben;
Ich beuge mich vor deinem Blick, dem flüchtgen.


„Wie es euch gefällt“ ist eine der beliebtesten Komödien von William Shakespeare. Nach diesem Motto dürfen wir mit unseren Gedichten verfahren.

Ich würde mich freuen, wenn du das eine oder andere mit uns teilen möchtest. Gleich hier in den Kommentaren, auf Facebook oder Instagram mit dem #eingedichtalsgeschen

Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

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