Meine Liebe zu Morgenseiten

Eine Frau hält ein Buch mit der Aufschrift Morgenseiten.

Aufwachen, Papier und Stift zur Hand nehmen und schreiben, was dir in den Sinn kommt. Nicht nachdenken, nicht absetzen, nur schreiben. Halbwach das Unterbewusste zu Wort kommen lassen. Das ist kurz erklärt, worum es bei Morgenseiten geht.

Die Idee stammt von Julia Cameron. Sie ist die Königin der Morgenseiten. In ihrem Buch „Der Weg des Künstlers“ (im Original „The Artist`s Way“) und auf ihrer Website beschreibt sie diese Kreativitätstechnik sehr ausführlich.

Morning Pages are three pages of longhand, stream of consciousness writing, done first thing in the morning. *There is no wrong way to do Morning Pages*– they are not high art. They are not even “writing.” They are about anything and everything that crosses your mind– and they are for your eyes only. Morning Pages provoke, clarify, comfort, cajole, prioritize and synchronize the day at hand. Do not over-think Morning Pages: just put three pages of anything on the page…and then do three more pages tomorrow.

Julia Cameron

Frei übersetzt sind Morgenseiten also drei Seiten A4, handgeschrieben und das gleich in der Früh – im Idealfall schreibt man sie noch bevor man irgend etwas anderes unternimmt. Man setzt den Stift auf das Papier und schreibt ohne abzusetzen alles nieder, was einem grad in den Sinn kommt. Ein Traum der letzten Nacht oder das Gefühl vor einem Meeting oder die anstehende Gartenarbeit oder die Steuererklärung oder der Streit mit der Nachbarin oder oder oder. Einfach schreiben, nicht nachdenken, nur das Unterbewusste arbeiten lassen.

Mein holpriger Weg

Das Schreiben von Morgenseiten ist mir in beinah allen Schreibseminaren, die ich je in meinem Leben besucht habe, empfohlen worden. TrainerInnen und TeilnehmerInnen haben mir versprochen, dass Morgenseiten meine Kreativität fördern und mir helfen würden den Tag zu strukturieren. Das klang so wunderbar – also habe ich es versucht, immer und immer wieder und bin immer und immer wieder gescheitert. Entweder fand ich keine Zeit oder ich quälte mich Zeile für Zeile bis ich die drei A4-Seiten voll hatte. Diese Morgenseiten haben sich wie ein täglicher Krampf angefühlt, nicht wie ein freudiger Start in den Tag. Keine Spur von Kreativität oder Struktur.

Dann aber hat mir eine Kurskollegin geraten, ich solle es doch auf andere Weise versuchen. Anstatt mir jeden Tag drei Seiten vorzunehmen, sollte ich mir erlauben, einfach mal fünf Minuten lang zu schreiben, ganz gleich wie viele Zeilen ich in dieser Zeit füllen würde.

Das habe ich ausprobiert – und was soll ich sagen, es hat geklappt. Für mich war die Zeit die bessere Maßeinheit als die Seitenzahl. Fünf Minuten, das war eine einfache Übung und so ist daraus eine Gewohnheit geworden, mehr als das – ein Bedürfnis.

Mittlerweile freue ich mich darauf, den Tag mit Schreiben zu beginnen. Aus den anfänglichen 5 Minuten sind 20 geworden und die drei A4-Seiten sind keine Herausforderung mehr, im Gegenteil. Ich muss dem Schreiben bewusst ein Ende setzen, sonst würden die Morgenseiten bis Mittag dauern.

Mein Morgenritual


Ich schreibe meine Morgenseiten wirklich sehr früh am Tag. Meine beiden Hunde wecken mich zwischen 6:00 und 6:30 Uhr. Während ich mit ihnen rausgehe, wärmt sich schon die Kaffeemaschine auf. Zurück im Haus fülle ich die Futternäpfe. Die Hunde ziehen sich nach ihrem Frühstück zum Weiterschlafen aufs Sofa zurück, dann herrscht wunderbare Ruhe im Haus. Ich nehme mir eine Schale Kaffee und setzte mich an meine Morgenseiten.  So habe ich etwa eine halbe Stunde Zeit bis mein Mann aufsteht und das Frühstück für uns beide anrichtet. Eine halbe Stunde, in der ich allein und in Ruhe meine Gedanken sortieren kann. Das ist ein guter Anfang für einen vollen Tag.

Ich schreibe gerne in schöne Bücher. Fliegende Zettel habe ich nie gemocht. Anfangs hatte ich ein eigenes Notizbuch für Morgenseiten und eines für meine abendlichen Nachbetrachtungen. Das war mir dann aber doch zu mühsam. Nun habe ich mich auf ein Notizbuch beschränkt, und kurz bevor es vollgeschrieben ist, kaufe mir genau das gleiche nach – ein Quartformat, kariert von Moleskine . Ich mag die Haptik des Umschlags, ich mag das Papier, auf dem die Tinte nicht zerrinnt. Es schließt alles in sich ein, wann immer ich schreibe, ob am Morgen, zu Mittag oder am Abend. Ich notiere auch die Uhrzeit neben dem Datum, falls ich später mal wieder reinschauen möchte. Allerdings lässt sich die Uhrzeit auch an der Handschrift erahnen. Morgens ist sie krakeliger als am Abend.

Ganz wie du willst, nur mach’s zur Gewohnheit

Wir schreiben diese Morgenseiten nur für uns, für niemanden sonst. Also haben wir auch die Freiheit zu experimentieren, damit zu spielen, und schließlich unseren ganz persönlichen Weg zu finden.

Vielleicht ist für dich die beste Zeit zu schreiben, nachdem du die Kinder zur Schule gebracht hast oder nach dem Laufen. Vielleicht sind es bei dir anfangs auch nur zwei Seiten oder 10 Minuten oder 5 wie bei mir. Fest steht nur: Du kannst nichts falsch machen, Hauptsache du schreibst und machst dir die Morgenseiten zur Gewohnheit. Das wird dir leichter fallen, wenn du schon am Abend davor alles vorbereitest. Lege das Papier oder dein Notizbuch gemeinsam mit dem Stift an den Ort, wo du am Morgen schreiben wirst. Prüfe, ob der Bleistift gespitzt oder genügend Tinte in deiner Füllfeder ist. Sorge dafür, dass du eine Uhr in Sichtweite hast, falls du nach Zeit schreibst.

So gut vorbereitet, brauchst du dich am Morgen nur noch hinzusetzen und loszuschreiben. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen du mit Morgenseiten machst und würde mich freuen, wenn du sie hier in den Kommentaren notierst.

Das Wichtigste nochmal kurz zusammengefasst

  • Schreibe an jedem Tag.
    Wenn du es einmal nicht schaffst, geht die Welt auch nicht unter. Dann eben am nächsten Tag wieder.
    • Schreibe gleich nach dem Aufstehen, jedenfalls so früh wie es in deinen Tagesablauf passt.
    • Morgenseiten haben üblicherweise einen Umfang von drei A4 Seiten, aber du entscheidest wie viel für dich richtig ist.
      • Setz den Stift auf und mach keine Pausen. Schreib in einem Fluss alles, was dir in den Sinn kommt.
    • Die Morgenseiten gehören nur dir und werden von niemandem sonst gelesen (außer du möchtest das)
    • Genieße die Zeit mit deinen Morgenseiten.


Autor: Susanne Senft

Mein Name ist Susanne Senft. Ich wohne in Wien und im Waldviertel, arbeite als PR-Beraterin und Schreibtrainerin, züchte Labrador Retriever und bin ehrenamtliche Mitarbeiterin von Wiens mobilem Kinderhospiz MOMO.

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